Denn er war nun davon überzeugt, daß nur dann, wenn die Lebensbedingungen der Menschen verbessert werden würden, seine Utopie, das Gesamtkunstwerk Gesellschaft, Wirklichkeit werden konnte.
Doch mit Realisierung dieses Vorhabens kam der junge Mann nur langsam voran. Denn dazu benötigte er die Einwilligung der Menschen aus der Stadt. Und die waren fast alle sehr mißtrauisch und wollten dem jungen Mann nicht folgen. So wurde nur ein kleiner Teil von dem gebaut, was geplant war. Und auch andere, weitgespannte Initiativen, die der junge Mann ergriffen hatte, kamen immer häufiger nicht so voran, wie er sich es erhofft hatte.
Und wieder kam ein unerwartetes Ereignis. Ein großer Krieg brach aus. Niemand hatte mehr Interesse an Kunst und der ästhetischen Verbesserung des Lebens. Der nun schon nicht mehr ganz so junge Mann aber verlor wegen des Krieges einen großen Teil seiner Besitztümer, mußte sparen und sogar Einiges, das ihm sehr lieb und teuer geworden war, aus seinem Museum verkaufen. Schließlich verließ ihn in dieser Zeit auch seine Frau, die, ermüdet von seinem Leben mit und für die Kunst, mit einem anderen jungen Mann aufs Land zog und dort das einfache Leben suchte.
Da wurde der junge Mann krank und starb.
Nach dem Tod des jungen Mann entbrannte ein Streit, was mit seinem Erbe geschehen solle. Der junge Mann hatte bestimmt, daß das Museum als Sammlung im Ganzen erhalten und, wenn möglich, in der Stadt erhalten werden solle. Doch die Stadt wollte weder den von den Erben verlangten, günstigen Kaufpreis zahlen noch den Erhalt des Museums in der überlassenen Form garantieren. Sie glaubte, das Museum und alles, was ihr Sohn gemacht und veranlaßt hatte, fiele ohnehin an sie.
In einer anderen, großen und ebenfalls ziemlich schmutzigen Stadt hatte man aber die Bedeutung des Museums erkannt und war bereit, alle Bedingungen zu erfüllen. Da verkaufte der Erbverwalter, der den Willen des jungen Mann ernst nahm und an seine Ideen glaubte, das ganze Museum in die große Stadt. Und so war die kleine, schmutzige Stadt wieder nur eine kleine, schmutzige Stadt und hatte von jetzt an noch dazu den Ruf, eine Stadt zu sein, in der man überhaupt nichts von Kunst und Kultur verstehe.
Den meisten Menschen in der Stadt war die ganze Angelegenheit ziemlich egal. Nicht wenige waren aber wütend über den Verkauf des Museums, denn sie glaubten, was der junge Mann gemacht hatte, sei von ihnen genommen und stünde nur ihnen zu, und meinten, sie seien übervorteilt worden. Andere aber waren traurig über den Verlust und empfanden das Ganze als zusätzlichen Makel der Stadt. Und viele von diesen gaben die Hoffnung auf, daß die Stadt je schöner und interessanter werden könne, und verließen sie, sobald sie es konnten.
Weil aber die Stadt noch jung war und in ihr bislang nicht viel passiert war, wurde die Geschichte vom Scheitern des jungen Mannes zu einem beherrschenden Thema für die Stadt. Denn auch in anderen Fällen entdeckte man, daß die Stadt Gutes nicht hatte halten können und so wurde der Fall des jungen Mannes zum paradigmatischen Beispiel dafür, daß man es in dieser Stadt zu nichts bringen könne. Und alle Menschen, vor allem die jungen, die es zu etwas bringen wollten, hatten das Beispiel des jungen Mannes vor Augen und zogen, so bald sie es konnten, fort. Andere, die kamen, blieben nur kurz. Denn wenn sie die Geschichte des jungen Mannes hörten, und diese wurde von denen, die es zu etwas bringen wollten, immer wieder erzählt, so verstanden sie, daß sie es schwer haben würden, es in dieser Stadt zu etwas zu bringen, und versuchten es lieber an einem anderen Ort.
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